
Das Bildnis zeigt den Gelehrten an einem Schreibtisch sitzend, in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit begriffen. Sein Blick sucht den des Betrachtenden, wobei er mit einer rhetorischen Geste auf ihn Bezug nimmt. Die rechte Hand liegt, eine Feder haltend, auf einem aufgeschlagenen Buch. Die aufgeschlagenen Seiten des vor Winckelmann liegenden, Buches zeigen einen Kupferstich mit einer Reliefdarstellung des Antinous. Links im Hintergrund wird unter einer dunkelblauen Draperie ein Relief mit der Darstellung des Hermes als Psychopompos sichtbar. Rechts im Hintergrund des Bildnisses steht auf einer Brüstung eine vermutlich aus hellenistischer Zeit stammende Büste des Homer, hinter der Brüstung ist der Blick auf ein Meer gegeben.
Die Winckelmann umgebenden Gegenstände verweisen auf die spezifischen Interessen des Altertumsgelehrten. Diese Form der Darstellung mit den Attributen ihrer Gelehrsamkeit findet seit der Antike Anwendung bei Bildnissen von Schriftstellern und Gelehrten. Der Kupferstich des Antinousreliefs erscheint in diesem Bildnis als Hinweis auf die idealschöne Darstellung des „mittleren Menschen“, einem Schönheitsbegriff, der das Kernstück in Winckelmanns Werk bildet. Der mittlere Mensch verkörpert sowohl die höchste Form menschlicher Schönheit als auch eine dementsprechende geistig-sittliche Veranlagung. Winckelmann betrachtete die Vorstellung des mittleren Menschen als einen Gegenentwurf zum herrschenden Menschenbild und als Maßstab für die zeitgenössische Kunst. Auch die Präsenz Homers im Bildnis verweist auf einen besonderen Aspekt in der Kunstbetrachtung Winckelmanns. Homers Epen waren von großer Bedeutung für seine Kenntnis über das Schöne und sein Menschenbild, ebenso wie für sein Weltbild und sein Gottesverständnis.
Obwohl das Porträt repräsentative Elemente enthält, birgt es als Freundschaftsbildnis vornehmlich einen privaten Charakter. Es sollte als solches dem Auftraggeber, Baron Philipp von Muzel-Stosch, den abwesenden Freund bildlich vergegenwärtigen und die Erinnerung an ihn wach halten.
Die Erscheinung Winckelmanns, in der sich seine Lebensweise spiegelt, zeigt einen zeitlosen, allgemeingültigen Charakter und einen, entsprechend dem griechischen Schönheitsbegriff, „schönen“ Menschen im besten Alter.
(Ingo Pfeifer)